Winteraktivität von Zwergfledermäusen

Erarbeitung von Erfassungsmethoden zum Schutz von Fledermäusen bei Abbruch und Sanierung von Gebäuden im Winter.

Weit verbreitet ist die Annahme, dass die Wochenstuben- und Sommerquartiere auch gleichzeitig Winterquartiere von Zwerg- und Mückenfledermäusen sind. Diese Annahme legt nahe, dass andere Gebäude als Winterquartiere weniger in Frage kommen und bei Abbruch oder Sanierung im Winter kaum oder gar nicht berücksichtigt werden. Aber stimmt das?

Mindestens zwei Methoden der Überwinterung von Zwerg- und Mückenfledermäusen sind bekannt: Einzelne Tiere bzw. kleine, verteilte Gruppen oder große Gruppen in Massen-Winterquartieren. Unsere mitteleuropäischen Winter sind oft mild, mit leichten Nachtfrösten und ab und zu mäßigen Frostperioden. Setzt starker Frost ein, wandern Zwergfledermäuse in die Massenwinterquartiere. Woher die Tiere kommen, wissen wir meist nicht, vermutlich aber aus der näheren oder weiteren Umgebung. Es sind möglicherweise Zwerg- und Mückenfledermäuse, die das Quartier wechseln, weil das ursprüngliche nicht frostfrei oder sogar zu warm ist. Zwergfledermäuse wechseln also als Teil ihrer Überwinterungsstrategie das Quartier (Sendor, 2002, Simon et al. 2004).

Als Winterquartiere kommen Gebäude jeder Größe, jeden Alters und jeder Bauart in Frage, ebenso Ruinen, Brücken und ähnliche Bauwerke, Felsen und unterirdische Quartiere. Diese sind meist schwer zugänglich, schlecht einsehbar und daher kaum zu kontrollieren. Es gibt scheinbar kaum Methoden, durch die mit vertretbarem Aufwand Winterquartiere einzelner oder Massen von Zwergfledermäusen mit hoher Sicherheit nachgewiesen oder ausgeschlossen werden können.
Oft werden Gebäude in den Wintermonaten abgerissen oder saniert, ohne dass eine mögliche Nutzung als Winterquartier berücksichtigt wird. Ohne diese Kenntnisse jedoch besteht die Gefahr, dass Massenwinterquartiere ersatzlos zerstört und lokale oder sogar überregionale Populationen von Zwerg- und Mückenfledermäusen vernichtet werden.
Es ist daher wichtig, dass Gutachterinnen und Gutachter die richtigen Methoden anwenden, um überwinternde Zwerg- und Mückenfledermäuse nachzuweisen. Besser wäre es, flächendeckende Kartierungen durchzuführen, um diese sehr wichtigen, aber auch sehr anfälligen Quartiere nicht nur den Behörden bekannt zu machen.

Aus diesem Anlass versuche ich, zum Schutz von Fledermäusen bei Abbruch und Sanierung von Gebäuden im Winter, das vorhandene Wissen zu sichten und eigene Daten zu erheben, um Methoden zu erarbeiten, die Gutachterinnen und Gutachtern, Behörden oder ehrenamtlich tätigen Personen das Erkennen von Winterquartieren zu ermöglichen.
Zur ehrenamtlichen Erhebung eigener Daten fand im Winter 2021/2022 ein akustisches Dauermonitoring im südlichen Rheinland-Pfalz an einem Quartier von Mückenfledermäusen statt. Bei dem Quartier handelt es sich um ein eingeschossiges ehemaliges Schleusenwärterhaus, das im Sommer auf der Nordseite im Dach einer 600 Mückenfledermäuse starken Wochenstube Quartier bietet. Die winterliche Schwärmaktivität findet allerdings auf der Südseite statt, an der Wochenstube ist im Winter keine Aktivität. Die akustischen Daten wurden mit einem Batcorder 3.1 erhoben, für die meteorologischen Daten wurde eigens eine Wetterstation installiert. Ein Zugriff auf die Daten erfolgte über einen Raspberry Pi der täglich die Rufsequenzen der Nacht auf eine externe Festplatte gesichert und via LTE zum Download bereitgestellt hat. Die finale Auswertung der Daten mit dem Statistik-Programm „R“ ist noch nicht abgeschlossen, hier bedarf es noch genauerer Betrachtungen.

Etwas überraschend und anders als erwartet zeichnet sich bislang kaum eine Korrelation der Aktivität mit der Temperatur ab. Es scheint aber einen Zusammenhang bei den ersten Frostnächten im Dezember mit erhöhter Schwärm-Aktivität zu geben.

Zeitgleich wurden im Rahmen der Masterarbeit „Winteraktivität von Zwergfledermäusen (Pipistrellus pipistrellus) in der Stadt Osnabrück (Niedersachsen) – Methodenentwicklung und -erprobung zum besseren Nachweis von Gebäudequartieren“ von Jan Felix Rennack (an der Hochschule Osnabrück) Daten zur Aktivität erhoben.
Ebenfalls wurde im gleichen Winter in Bayern die „Aktivität von Pipistrellen an Winterquartieren“ von Claudia Weißschädel (Fledermausschutz Augsburg), Kerstin Kellerer (Fledermausschutz Ingolstadt) und Anika Lustig (Koordinationsstelle für Fledermausschutz Bayern) erforscht.

Was wir bis jetzt wissen:

August und September – Spätsommerliches Mitternachtsschwärmen

Die niederländischen Kollegen um Erik Korsten, Eric Jansen, Herman Limpens und Martijn Boonman (2016) beschreiben im Artikel „Swarm and switch: on the trail of the hibernating common pipistrelle“ ein bislang wenig bekanntes winterliches Schwarmverhalten von Zwergfledermäusen, das bei einzelnen Tieren, aber auch in Massen an Gebäuden auftritt. Weiter wird das spätsommerliche Schwärmen um Mitternacht als Hinweis für mögliche Winterquartiere benannt.
Claudia Weißschädel (Fledermausschutz Augsburg), Kerstin Kellerer (Fledermausschutz Ingolstadt) und Anika Lustig (Koordinationsstelle für Fledermausschutz Bayern) beschreiben, dass die Quartiere mit spätsommerlicher Schwärmaktivität tagsüber keine oder nur sehr wenige Fledermäuse beherbergen. Zudem werden abendlich ausfliegende Tiere kaum festgestellt.

Zeitpunkt:
Anfang August bis Mitte/Ende September mit einem Höhepunkt von Mitte bis Ende August. Je nach Wetterverlauf kann der Höhepunkt der Schwärmaktivität sich auch weit in den September verschieben. Im Oktober lässt die Aktivität deutlich nach. Begehungen sollten im Zeitfenster ab zwei Stunden nach Sonnenuntergang bis zwei Stunden vor Sonnenaufgang für mindestens zwei Stunden stattfinden.

Wetter:
Niederschlagsfreie, möglichst windstille und warme Nächte mit Temperaturen ab 15° C gegen Mitternacht.

Technik:
Einfacher Detektor (beachten Sie die geringe Reichweite, bei hohen oder schlecht erreichbaren Gebäuden ist möglicherweise nichts zu hören) und am besten eine Wärmebildkamera. Alternativ zur Wärmebildkamera ein Nachtsichtgerät (allerdings sind mit einem Nachtsichtgerät Fledermäuse nur vor hellen Fassaden erkennbar und nicht im freien Luftraum). Eine starke Rotlicht-Taschenlampe oder ein Fernglas können in manchen Fällen hilfreich sein. Die Erfassung kann je nach Vorhaben zu Fuß oder mit dem Fahrrad durchgeführt werden.

Wiederholen:
Alle paar (fünf bis zehn) Nächte bei optimalem Wetter die Begehung wiederholen.

November und Dezember – winterliches Schwärmen

In den Monaten November und Dezember ist in niederschlagsfreien Nächten beinahe jede Nacht Aktivität festzustellen – zumindest an Massenwinterquartieren. Die gute Nachricht: es scheint kaum eine Korrelation mit der Temperatur, insbesondere Frost, zu bestehen. Das heißt, die Suche nach Winterquartieren ist nicht auf die meist nur wenigen Frostnächte beschränkt, sondern kann in jeder Nacht durchgeführt werden, sofern es nicht stürmt, regnet oder schneit. Es gibt aber zumindest in den ersten Frostnächten eine erhöhte Aktivität, was das Auffinden erleichtern kann. Ob dies auch bei Winterquartieren mit weniger Individuen zutrifft, ist zurzeit nicht bekannt. Zumindest kann davon ausgegangen werden, dass das Schwämverhalten bei kleineren Quartieren weniger ausgeprägt ist. Aber Vorsicht, denn kein Schwämverhalten bedeutet nicht automatisch, dass den ganzen Winter keine Fledermäuse anwesend sind!

Zeitpunkt:
Ab Anfang November bis Ende Dezember, ggf. bis Mitte Januar. Im Januar ließ die Aktivität zumindest im Winter 2021/2022 deutlich nach. In den beiden Monaten konnte jede Nacht Aktivität, jedoch in variierender Intensität, festgestellt werden. Der Beginn des Schwärmens liegt bei 45 Minuten nach Sonnenuntergang und zeigt seine höchste Intensität zwischen 60 und 180 Minuten nach Sonnenuntergang. In einzelnen Nächten gab es sogar bis Sonnenaufgang aktive Fledermäuse.

Wetter:
Niederschlags- und sturmfreie Nächte. Die Temperatur ist kaum relevant, möglicherweise ist die Aktivität bei Frost aber erhöht.

Technik:
Einfacher Detektor (beachten Sie die geringe Reichweite, bei hohen oder schlecht erreichbaren Gebäuden ist möglicherweise nichts zu hören) und am besten eine Wärmebildkamera. Alternativ zur Wärmebildkamera kann ein Nachtsichtgerät verwendet werden (allerdings sind mit einem Nachtsichtgerät Fledermäuse nur vor hellen Fassaden erkennbar und nicht im freien Luftraum). Eine starke Rotlicht-Taschenlampe oder ein Fernglas können in manchen Fällen hilfreich sein. Die Erfassung kann je nach Vorhaben zu Fuß oder mit dem Fahrrad durchgeführt werden.

Wiederholen:
Das Schwärmen kann recht kleinräumig, nur wenige Meter um das Quartier stattfinden und je nach Größe und Komplexität des von einer Maßnahme betroffenen Gebäudes übersehen werden. Daher empfehlen sich in den Monaten November und Dezember mindestens vier Termine, bei größeren Objekten deutlich mehr.

Januar und Februar

Im Januar ist die Schwärmaktivität deutlich geringer, nicht so stetig ausgeprägt und beginnt oftmals erst 60 bis 90 Minuten nach Sonnenuntergang. Hier wären mehr Begehungen erforderlich, um die Schwärmaktivität nicht zu verpassen. Januar und Februar scheinen kein optimaler Zeitraum zu sein, daher ist vor allem hier ist Vorsicht geboten, denn kein Schwämverhalten bedeutet nicht, dass keine Fledermäuse anwesend sind!
Ab Februar scheint die Aktivität mit steigender Temperatur zuzunehmen.

Wetter:
Niederschlags- und sturmfreie Nächte. Die Temperatur ist kaum relevant, möglicherweise ist die Aktivität bei Frost aber erhöht.

Technik:
Einfacher Detektor (beachten Sie die geringe Reichweite, bei hohen oder schlecht erreichbaren Gebäuden ist möglicherweise nichts zu hören) und am besten eine Wärmebildkamera. Alternativ zur Wärmebildkamera kann ein Nachtsichtgerät verwendet werden (allerdings sind mit einem Nachtsichtgerät Fledermäuse nur vor hellen Fassaden erkennbar und nicht im freien Luftraum). Eine starke Rotlicht-Taschenlampe oder ein Fernglas können in manchen Fällen hilfreich sein. Die Erfassung kann je nach Vorhaben zu Fuß oder mit dem Fahrrad durchgeführt werden.

Fazit

Wir wissen nicht, aus welchem Grund das zum Teil ganznächtige Schwärmen stattfindet. Eventuell erfüllt es eine soziale Funktion und/oder soll anderen Fledermäusen das Quartier zeigen. Wir haben bei diesem Quartier keine Information darüber, wie viele der 600 Mückenfledermäuse im Gebäude überwintern. Schwärmen immer die gleichen Tiere oder wandern Mückenfledermäuse aus anderen Quartieren zu und ab? Die Kotmengen, die beim Schwärmen hinterlassen werden, deuten zudem darauf hin, dass die Tiere sich auch im Winter ernähren können – ggf. durch Jagd in den Auwäldern um das Quartier.

Die Datenlage ist nicht ausreichend, um konkretere Angaben zu machen und Bezüge zu erkennen. Ein akustisches Monitoring mit Beobachtungen vor Ort müsste von August bis April in verschiedenen Regionen an fünf bis zehn Massen- und auch kleineren Quartieren durchgeführt werden. Solche Quartiere müssten erst einmal gefunden werden und Menschen sich bereit erklären, ein Monitoring aufzusetzen und zu betreuen. Leider stößt das Ehrenamt hier an seine Grenzen.

Das Quartier im südlichen Rheinland-Pfalz ist 400 km von meinem Wohnort entfernt. Eine regelmäßige Betreuung würde erhebliche Kosten verursachen und Zeit verschlingen – von der Ausrüstung mal nicht zu sprechen.
Ich würde mich aber über Hinweise zu bekannten Quartieren oder Kontakt zu FledermauskundlerInnen freuen, die bereit wären, ein Monitoring zu betreuen.

Danksagung

Ganz herzlichen Dank an
Henry Hermanns für den technischen Support,
Wolfram Blug für Kontakte und Problemlösung vor Ort,
Gabi Krivek für die Unterstützung bei der statistischen Auswertung,
Reimund Letzelter für die Bereitschaft, die Untersuchung an seiner Gaststätte durchzuführen.

Christian Giese
fur den LFA Fledermausschutz NRW

 

Downloads:

Activity and Weatherdata: Winter 2021-20212 (3.2 MB)

Winteraktivität von Zwergfledermäusen (Pipistrellus pipistrellus) in der Stadt Osnabrück (Niedersachsen) : Methodenentwicklung und -erprobung zum besseren Nachweis von Gebäudequartieren (2022) von Jan Felix Rennack

(Massa-)winterverblijfplaatsen van gewone dwergvleermuizen: discussiestuk Vleermuisprotocol 2017 
von Erik Korsten (Bureau Waardenburg), Herman Bouman (Arcadis) & Daniel Tuitert (Sweco)

Swarm and switch: on the trail of the hibernating common pipistrelle (2016)

Quelle: Bat News. No. 110 (Summer 2016). p. 8-10. Bat Conservation Trust. London.
Korsten, Erik & Jansen, Eric & Limpens, Herman & Boonman, Martijn & Schillemans, Marcel. (2016).
Swarm and switch: on the trail of the hibernating common pipistrelle.

Nyctalus (N.F.), Berlin 7 ( 1999), Heft I, S. 1 02 – 111
Die Ansprüche der Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus) an ihr Winterquartier
Von MATIHIAS SIMON, Marburg, und KARL KUGELSCHAFTER, Gießen