Studie: Langfristiges, individuenbasiertes Monitoring im Fledermausschutz

Erkenntnisse aus automatisierten PIT-Tag-Überwachungen

Hintergrund
Die Bedeutung langfristig angelegter, individuenbasierter Feldstudien für die Beantwortung zentraler Fragen des Artenschutzes ist allgemein anerkannt. Bei Fledermäusen sind solche Studien jedoch aufgrund der damit verbundenen Herausforderungen selten.

Ziele
Diese Übersicht fasst den aktuellen Wissensstand zu den Ergebnissen langfristiger, individuenbasierter Beobachtungen zum Schutz von Fledermäusen zusammen, wobei der Schwerpunkt auf Daten liegt, die durch die automatisierte Überwachung mit passiven integrierten Transpondern (PIT-Tags) gewonnen wurden.

Methoden
Das Team hat die Literatur zu langfristigen, individuenbasierten Fledermaus-Monitoringstudien für Naturschutzzwecke ausgewertet, wobei sie sich auf das automatisierte PIT-Tag-Monitoring konzentrierten. Sie führten gezielte Literaturrecherchen zu statistischen Tools für die Analyse individuenbasierter Daten durch, die mit automatisierten Systemen erhoben wurden, sowie zu den damit verbundenen Herausforderungen und Chancen. Abschließend stellen Sie zwei Fallstudien vor, die auf Informationen aus eigenen langfristigen automatisierten PIT-Tag-Monitoring von fünf Fledermausarten in Deutschland basieren.

Ergebnisse
Sie stellten fest, dass nur eine begrenzte Anzahl von Fledermausarten über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren mit automatischen PIT-Tag-Loggern überwacht wurde. Bei fast allen Arten handelt es sich um Fledermäuse der gemäßigten Zone. Die Überwachung erfolgte an Sommerquartieren, darunter Gebäude, Höhlen, Fledermauskästen und Baumhöhlen, sowie an Überwinterungsquartieren. Die jeweiligen Studien untersuchten verschiedene für den Artenschutz relevante Variablen, darunter die Bewegung zwischen Quartieren, demografische Parameter wie Überleben und Fortpflanzung sowie Bestandsentwicklungen. Die eigene Forschung zeigt, wie diese Methode artenschutzrelevante Informationen liefern kann, die mit Zählungen oder klassischen Fang-Markierung-Wiederfang-Verfahren, die eine regelmäßige Handhabung der Fledermäuse erfordern, nicht gewonnen worden wären.

Schlussfolgerungen
Das langfristige, individuenbasierte Monitoring bleibt eine anspruchsvolle und ressourcenintensive Aufgabe. Die automatisierte PIT-Tag-Überwachung bietet neue Möglichkeiten für die langfristige Fledermausüberwachung, indem sie die Erfassung hochrelevanter Naturschutzdaten erleichtert.

Quelle
Kerth, G.G. KrivekF. MeierF. ChávezS. Schirmer, and J. van Schaik2026.
Long-Term Individual-Based Monitoring in Bat Conservation: Insights From Automated PIT-Tag Monitoring.” 
Mammal Review 56, no. 3: e70045. https://doi.org/10.1111/mam.70045.

Fledermäuse: Elektromagnetisches Rauschen beeinträchtigt Orientierung

Wie sich vom Menschen verursachte elektromagnetische Störungen auf Lebewesen auswirken können, ist ein bislang kaum erforschter Aspekt einer zunehmend urbanisierten natürlichen Umwelt, insbesondere wenn diese Störungen in nicht tödlicher Form auftreten. In dieser Studie untersuchte das Autoren-Team um Dr. Oliver Lindecke die Auswirkungen schwacher breitbandiger Hochfrequenzfelder (HF-Felder) auf das Verhalten von Tieren.

Das Team setzte wandernde Mückenfledermäuse (Pipistrellus pygmaeus) HF-Feldern im Bereich von 0,01 bis 300 Megahertz aus und testete anschließend ihre Orientierungsfähigkeit im Laufe der Nacht. Während sich die Fledermäuse der Kontrollgruppe normal orientierten, zeigten die Fledermäuse, die HF-Störsignalen ausgesetzt waren, eine zufällige Flugrichtung beim Abflug, was auf Störeffekte hindeutet, die über die unmittelbare Einwirkung hinaus andauern.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass elektromagnetische Verschmutzung das Potenzial hat, das Verhalten von Tieren stärker zu beeinflussen als bisher angenommen.

Die vom Menschen verursachte elektromagnetische Strahlung kann demnach Stressfaktor für Wildtiere wirken, wobei die Auswirkungen sogar über die unmittelbare Belastung hinausgehen. Das Autorenteam belegt einen reproduzierbaren Nachwirkungseffekt menschengemachter elektromagnetischer Störungen auf die Orientierungsfähigkeit von Fledermäusen.

Unabhängig vom konkreten Grund für den beobachteten Nachwirkungseffekt sind die potenziellen ökologischen Folgen der hier aufgezeigten Störung besorgniserregend, da sich die aktuellen Belastungsgrenzwerte ausschließlich auf Menschen beziehen, wodurch Wildtiere selbst innerhalb der Grenzwerte gefährdet bleiben.

Der weithin erwartete Anstieg der elektromagnetischen Belastung als Folge von Urbanisierungstrends und der weltweiten Verbreitung drahtloser Technologien könnte die Auswirkungen des vom Menschen verursachten Klimawandels und der Landnutzungsänderung weiter verstärken, indem er die Wanderbewegungen von Wildtieren stört.

Quelle:

Oliver Lindecke, William T. Schneider, Viesturs Vintulis, Nicole Jordan, Fyodor Cellarius, Lara C. Marggraf, Jaclyn Niehues, Valts Jaunzemis, Oskars Keišs, Richard A. Holland
Disruptive effects of brief radiofrequency noise exposure on migratory bat navigation. Science392,977-979(2026).DOI:10.1126/science.adq4418

Weitere Publikation:

Stille Störung: Vom Menschen verursachte elektromagnetische Störungen haben langfristige Auswirkungen auf die Flugorientierung von Fledermäusen
Alfonso Balmori, Alfonso Balmori-de la Puente, Silent  nterference, Science, 3926801, (922-923), (2026).
https://www.science.org/doi/10.1126/science.aei2381

 

Kleinabendsegler: Neue Studie zeigt überraschende Flugrouten

Der Kleinabendsegler, Fledermaus des Jahres 2026/27, legt auf seinen saisonalen Wanderungen quer durch Europa erstaunliche Strecken zurück. Forschende konnten jetzt im Rahmen einer vom Bundesamt für Naturschutz geförderten Studie erstmals die Zugwege dieser seltenen und geschützten Art genau nachverfolgen.

Ergebnisse des Projekts „Ein Arten-Aktionsplan für den Kleinabendsegler“ zeigen eindrucksvoll, welche Leistungen die kleinen Säugetiere vollbringen: Trotz eines Körpergewichts von nur etwa 13 bis 18 Gramm – ungefähr so schwer wie zwei 1-Euro-Münzen – und einer Kopf-Rumpf-Länge von weniger als sieben Zentimetern legten manche Individuen mehr als 380 Kilometer in nur einer Nacht zurück, etwa vom Thüringer Wald bis zum Bodensee. Innerhalb weniger Nächte flogen die Kleinabendsegler Distanzen von bis zu über 1.000 Kilometern. Einzelne Tiere überquerten dabei sogar die Alpen. Möglich wurden diese Erkenntnisse erst durch den Einsatz einer neuartigen Sendertechnologie. Insgesamt lieferten die besenderten Fledermäuse Positionsdaten aus zwölf europäischen Ländern. 

Überraschend sind auch die individuell sehr unterschiedlichen Zugwege. Weibchen aus demselben Wintergebiet starteten an unterschiedlichen Tagen und flogen in völlig verschiedene Regionen. So zogen Tiere aus Südbaden im Frühjahr zum Beispiel nach Minden, auf die Insel Rügen oder bis nach Prag. Fledermäuse aus dem Tessin flogen hingegen bis nach Südpolen und Ungarn. Auch im Herbst verteilten sich die Tiere aus einer Thüringer Sommerkolonie auf weit auseinanderliegende Überwinterungsorte – von Luxemburg und Nordrhein-Westfalen über den Starnberger See in Süddeutschland bis in die Schweiz und sogar nach Südfrankreich. Trotz der großen individuellen Unterschiede deuten die Daten darauf hin, dass einzelne Tiere dabei jedes Jahr dasselbe Sommer- bzw. Wintergebiet aufsuchen und dafür dieselben Zugwege nutzen. 

Auf ihren weiten Wanderungen sind die Fledermäuse zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Eine zunehmende Rolle spielen dabei auch Windenergieanlagen, an denen es zu Kollisionen kommen kann. Hinzu kommt der Verlust geeigneter Lebensräume. Die Fledermäuse sind auf insektenreiche Gebiete und alte Wälder mit Höhlenbäumen angewiesen, da sie ausreichend Nahrung und sichere Quartiere benötigen – sowohl in den Sommer- und Überwinterungsgebieten als auch entlang ihrer Zugwege. Um auf die Schutzbedürftigkeit dieser Art aufmerksam zu machen und Schutzmaßnahmen zu fördern, haben die Mitgliedsverbände von BatLife Europe den Kleinabendsegler zur Fledermaus des Jahres 2026/27 gewählt.

Das Projekt „Ein Arten-Aktionsplan für den Kleinabendsegler“ schafft eine verlässliche Datengrundlage für gezielte Schutzmaßnahmen. Aufgrund seiner weiten Wanderungen ist der Kleinabendsegler auf international abgestimmte Schutzmaßnahmen angewiesen, zu deren Umsetzung Deutschland unter anderem im Rahmen der Bonner Konvention sowie des EUROBATS-Abkommens verpflichtet ist. Die im Projekt gewonnenen Erkenntnisse fließen in einen konkreten Maßnahmenplan ein und bilden zugleich die Grundlage für einen nationalen Arten-Aktionsplan. Ziel ist es, den Kleinabendsegler langfristig besser zu schützen und seine wichtigen Lebensräume dauerhaft zu sichern. Das Projekt wird vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums im Nationalen Artenhilfsprogramm (nAHP) gefördert.

Quelle:
Pressemitteilung Nationales Artenhilfsprogramm „Ein Aktionsplan für den Kleinabendsegler“
https://www.bfn.de/aktuelles/kleine-fledermaeuse-auf-grosser-reise-neue-studie-zeigt-ueberraschende-flugrouten

Künstliches Licht und Ultraschall vertreibt Wasserfledermäuse

Fledermäuse haben die Fähigkeit, ihre Beute im nächtlichen Himmel mittels Echoortung aufzuspüren, doch diese dunkle und ruhige sensorische Nische wird zunehmend durch künstliche Licht- und Lärmbelastung beeinträchtigt.

Das Autoren-Team teste die Hypothesen, dass solche Belastungen Fledermäuse von ihren Jagdgebieten vertreiben und dass diese Vertreibung mit der Intensität der Stressfaktoren zunimmt. Dazu setzten sie wildlebende Wasserfledermäuse (Myotis daubentonii) kontrollierten Licht- oder breitbandigen Ultraschallgeräuschen aus und zeichneten die Aktivitätsniveaus der Fledermäuse mittels passiver akustischer Überwachung in unterschiedlichen Entfernungen zu den Störfaktoren auf.

Sie stellen fest, dass Licht- und Lärmbelastungen die Fledermausaktivität im Vergleich zu Kontrollzeiträumen in einem Umkreis von 6 m um die Stressorquelle um 43 % bzw. 49 % reduzierten. Der Verdrängungseffekt nahm mit zunehmender Entfernung zu den Licht- und Lärmquellen ab.

In 20 m Entfernung von der Quelle führte eine Lichtstärke von 1 Lux noch zu einer leichten Verringerung der Fledermausaktivität. Im Gegensatz dazu lösten Lärmpegel von 56 dB re. 20 μPa RMS in 20 m Entfernung keine messbare Verdrängung der Fledermäuse mehr aus.

Sie kommen zu dem Schluss, dass mäßige künstliche Licht- und Lärmbelastung Fledermäuse von ihren Nahrungsgebieten verdrängen kann und dass Licht- und Ultraschallbelastung in der Umgebung kritischer Fledermauslebensräume vermieden werden sollte.

Quelle:
Caspersen, M.R., Mortensen, S.A., Beedholm, K. et al. Light and ultrasonic noise pollution displaces trawling Daubenton’s bats. Sci Rep (2026). https://doi.org/10.1038/s41598-026-50747-0

Abendsegler: Paarung nach dem Winterschlaf?

Fortpflanzungszeitpunkt bei Fledermäusen: Hinweise auf eine Paarung im Frühjahr nach dem Winterschlaf

Fledermäuse der gemäßigten Zonen paaren sich in der Regel im Herbst, doch vereinzelte Hinweise deuten darauf hin, dass einige Arten sich möglicherweise auch im Frühjahr paaren. Am Beispiel der Abendsegler (Nyctalus noctula) untersuchte das Autorenteam den Fortpflanzungsstatus nach dem Winterschlaf, um das Vorkommen von Paarungen im Frühjahr zu beurteilen.

Das Team untersuchte Merkmale bei Männchen (Bukkal-Drüsen, Hoden, Nebenhoden) und Weibchen (Bukkal-Drüsen, Fortpflanzungsstatus) und entwickelte eine minimalinvasive Methode zur Vaginallavage, die für die Fortpflanzungsbeurteilung bei weiblichen Fledermäusen im Feld geeignet ist.

Sie stellten fest, dass die Nebenhoden der Männchen nach dem Winterschlaf häufig geschwollen waren, was auf zurückgehaltene Spermien hindeutet, obwohl die Spermatogenese im Herbst und während des Winterschlafs unterbrochen war. Die vaginale Zytologie ergab keine Hinweise auf eine unmittelbare Befruchtung nach dem Erwachen, doch 15 % der Abstriche deuteten auf eine kürzlich erfolgte Paarung hin. Die Größe der Bukkal-Drüsen stand in positivem Zusammenhang mit der Jahreszeit und der Größe der Nebenhoden, was sowohl mit einer sexuellen, als auch einer umfassenderen sozialen Funktion im Einklang steht.

Zusammengenommen deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass die aktive Paarung bei N. noctula bis in den Frühling hinein andauern kann, was möglicherweise Möglichkeiten zur Fortpflanzung vor der Wanderung bietet. Darüber hinaus liefert das Team den ersten histologischen Nachweis für die Spermienphagozytose durch Neutrophile bei Fledermäusen, was die Hypothese der leukozytären Beseitigung nicht lebensfähiger Spermien stützt, wie sie bei anderen Säugetieren dokumentiert ist.

Quelle:
Mathgen, X., Busse, P., Fasel, N. et al. Reproductive timing in bats: evidence of spring mating following hibernationMamm Biol (2026). https://doi.org/10.1007/s42991-026-00581-8

Teichfledermäuse: Ruhen oder fliegen – Funktionale Lebensraumnutzung

Als wichtige Akteure in vielen Landökosystemen haben insektenfressende Fledermäuse in Europa hohe Priorität im Naturschutz und stehen unter internationalem Schutz. Die fortschreitende Ausdehnung menschlicher Siedlungen und Landnutzungsänderungen haben ihre Lebensräume jedoch tiefgreifend verändert, und das Verständnis ihrer Lebensraumnutzung ist für eine effektive Naturschutzplanung unerlässlich. Dennoch werden Verhaltenszustände, insbesondere die nächtliche Ruhephase, bei der Quantifizierung der Lebensraumnutzung selten berücksichtigt.

Diese Studie präsentiert die erste auf GPS-Tracking basierende quantitative Bewertung der Lebensraumnutzung der Teichfledermaus (Myotis dasycneme), einer gefährdeten Spezialistin für die Nahrungssuche über der Wasseroberfläche, unter Berücksichtigung unterschiedlicher Aktivitäts- und Ruheverhalten außerhalb des Quartiers.

Durch die Kombination von hochauflösendem GPS-Tracking mit dreiachsiger Beschleunigungsmessung unterschied das Autorenteam Aktivität (Futtersuche und Fortbewegung) von Ruhezuständen und untersuchten mithilfe verallgemeinerter linearer gemischter Modelle ihre funktionale Lebensraumnutzung in Bezug auf relevante Landbedeckungstypen und Landschaftsmetriken.

Sie stellten fest, dass Teichfledermäuse einen erheblichen Teil der Nacht zwischen den aktiven Phasen mit Ruhen verbrachten, wobei mehr als die Hälfte der Ruhephasen außerhalb von Gebäuden stattfand. Sie nutzten vielfältige, einfach strukturierte Süßgewässer und Uferbereiche zur Unterstützung ihrer aktiven Verhaltensweisen und mieden konsequent Anbauflächen, während sie sich auf Mosaike aus offener und geschlossener Vegetation, vor allem Waldränder und vereinzelte Bäume in der Nähe von Nahrungsgewässern, konzentrierten, um das nächtliche Ruhen außerhalb von Gebäuden zu ermöglichen.

Der Schutz von Teichfledermäusen erfordert die Erhaltung von Nahrungshabitaten (z. B. vielfältige Gewässer mit Ufervegetation) und Transitwegen (z. B. regelmäßig gestaltete Uferböschungen) sowie die Erhaltung oder Bereitstellung landschaftsspezifischer Nachtquartiere in der Nähe von Nahrungsgebieten.

Die Einbeziehung verhaltensspezifischer Habitatnutzung, insbesondere von Nachtquartieren, ist entscheidend für einen wirksamen Fledermausschutz und ein gezieltes Landschaftsmanagement.

 

Quelle:
Gijs van der Velden, Bart Kranstauber, Anne-Jifke Haarsma, René Janssen, Mees van Horssen, Wouter Halfwerk, Anton van Meurs, Cynthia Bom, Maarten Schrama, Yali Si,
To rest or to roam: Functional habitat use of an insectivorous bat species during active and resting behavior,
Biological Conservation, Volume 318, 2026, 111823, ISSN 0006-3207,
https://doi.org/10.1016/j.biocon.2026.111823.

 

Das Ende des Artenschutzes beim Ausbau der Windenergie in NRW?

Naturschutzverbände kritisieren neues „Artenschutzfachbeitrags-Tool“ der Landesregierung

Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen hat kürzlich ein digitales Instrument zur Prüfung der Artenschutzbelange im Rahmen von Planungs- und Genehmigungsverfahren für Windenergieanlagen innerhalb der sogenannten „Beschleunigungsgebiete“ veröffentlicht und verbindlich für die behördliche Anwendung vorgeschrieben. Die nordrhein-westfälischen Naturschutzverbände BUND, NABU und LNU kritisieren das „Artenschutzfachbeitrags-Tool“ (AFB-Tool) scharf:

Fachliche Mängel bei den Ergebnissen aufgrund lückenhafter und veralteter Datenbestände und fehlender räumlicher Zuordnung führten zu rechtlichen Unsicherheiten und zum Abbau des ohnehin schon drastisch verschlechterten Artenschutzstandards bei der Planung und Genehmigung von Windenergieanlagen. Besonders gravierend – den unteren Naturschutzbehörden werde jeglicher Handlungsspielraum zur artenschutzkonformen Beurteilung und Genehmigung eines Antrags genommen.

Auf Grundlage der behördlichen Datengrundlage soll – so die Logik des Instruments – der erforderliche Artenschutzfachbeitrag inklusive der notwendigen Minderungsmaßnahmen für potenziell von der Windenergie beinträchtige Arten komplett automatisiert „per Mausklick“ generiert werden. Ob die Arten an Ort und Stelle überhaupt vorkommen, spielt keine Rolle mehr. „Digitalisierung und standardisierte Verfahren sind zwar wichtige Bausteine für den benötigten beschleunigten Ausbau der Windenergie. Doch ohne robuste Datengrundlage und ohne die Möglichkeit für Behörden, wirksame Minderungsmaßnahmen nach eigenem Ermessen auf Grundlage aktueller fachwissenschaftlicher Erkenntnislage anzuordnen kommt dieses Instrument faktisch der Abschaffung des Artenschutzes und der Herabstufung zentraler behördlicher Kompetenzen in den Beschleunigungsgebieten gleich“, so Dr. Heide Naderer, Vorsitzende des NABU Nordrhein-Westfalen.

Bereits während der Planung von Windenergiegebieten in den mittlerweile größtenteils abgeschlossenen Regionalplanverfahren hatten die Naturschutzverbände auf Defizite bei der Auswahl der Gebiete hingewiesen. „Diese Entwicklung setzt die Landesregierung nun durch die Einführung des automatisierten AFB-Tools fort und räumt per Erlass jegliche Abweichungen zugunsten des Artenschutzes im Einzelfall aus. Das ist skandalös und steht auch rechtlich auf wackeligen Beinen“, sagt der Vorsitzende des BUND in NRW, Holger Sticht. Das Abwägen zwischen den Interessen, die erneuerbaren Energien auszubauen und dem Biodiversitätsverlust Einhalt zu gebieten, gerate so immer mehr in Schieflage.

So kritisieren die Naturschutzverbände unter anderem die Qualität der Minderungsmaßnahmen. Sie würden nicht sicherstellen, dass durch die Anlagen keine erheblichen Nachteile für betroffene Arten entstehen. Einerseits gibt es völlig unzureichende Mindestabstände zwischen Mast und Horstbaum sowie Bauzeitenbeschränkungen bei Bautätigkeiten. Andererseits ist davon auszugehen, dass im Regelfall bei Auswahlmöglichkeiten die wirklich wirksamen, aber aufwändigeren Maßnahmen selten gewählt werden. Groß ist zudem die Befürchtung von BUND, LNU und NABU, dass dieses Tool zukünftig auch auf andere Planverfahren Anwendung finden wird.
Und Mark vom Hofe, Vorsitzender der LNU ergänzt: „Seit Jahren weisen die Naturschutzverbände auf die landesweit schlechte Datengrundlage hin. Wir brauchen eine Datenaufbereitungs-Offensive des Landes, bei der systematisch sämtliche an unterschiedlichen Stellen vorhandene Daten abgefragt und zusammengeführt werden. Denn klar ist: Das Land steht in der Pflicht, eine fundierte Datengrundlage zum Vorkommen windenergiesensibler Arten sicherzustellen.“ Die Aktualität der Datengrundlage sei nicht Aufgabe des ehrenamtlichen Naturschutzes.

 

Quelle: https://nrw.nabu.de/news/2026/37067.html

Für Rückfragen:
Dr. Heide Naderer, Vorsitzende des NABU Nordrhein-Westfalen, T.: 0211 15 9251-41, Heide.Naderer@NABU-NRW.de
Holger Sticht, Vorsitzender des BUND NRW, T.: 0152 34289594, holger.sticht@bund.nrw
Mark vom Hofe, Vorsitzender der LNU NRW, T.: 0170/1509152, lnu.nrw@t-online.de

Herausgeber: NABU NRW (Naturschutzbund Deutschland e.V.) 40225 Düsseldorf
Redaktion: NABU-Pressestelle NRW, Birgit Königs (verantwortlich)
Tel. 0211.15 92 51 – 14 | Fax -15 | E-Mail: E-Mail: B.Koenigs@NABU-NRW.de

 

Weitere Informationen: Mitteilung des Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehrdes Landes Nordrhein-Westfalen:
Artenschutz-Prüfung per Knopfdruck: Wie das Land die Genehmigung von Windenergie-Anlagen beschleunigt

Bechsteinfledermaus: Lebensraumnutzung in Wald-Windparks

Windparks werden zunehmend in Waldgebieten errichtet, die einen sensiblen Lebensraum für Fledermäuse darstellen. Infolgedessen werden Waldlebensräume durch Holzeinschlag, Randeffekte und Betriebsgeräusche der Windkraftanlagen gestört und verändert.

Die Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii) ist für ihre Quartiere und Nahrungssuche in hohem Maße auf Waldlebensräume angewiesen. Das Autorenteam hat die Lebensraumnutzung von Wochenstuben der Bechsteinfledermaus in zwei Windparks analysiert.

Über einen Zeitraum von vier Jahren haben sie 31 Individuen per Radiotelemetrie verfolgt und ihre Wochenstuben sowie ihre Nahrungsgebiete identifiziert. Sie haben den Einfluss der Windkraftanlagen auf ihre Lebensraumnutzung sowie die Auswirkungen von Windgeschwindigkeit und Rotorblattdrehung auf den Abstand der Fledermäuse zu den Anlagen analysiert.

Die Kolonien besiedelten Baumquartiere, die sich wenige hundert Meter von den Windkraftanlagen entfernt befanden. Nahrungshabitate in der Nähe der Anlagen wurden bevorzugt genutzt, wenn sich die Fledermäuse in der Nähe der Wochenstuben befanden. Die Vegetation in diesen Gebieten bestand aus großen Bäumen und einer geringen Bedeckung durch Sträucher und Krautgewächse, was auf einen hochwertigen Nahrungslebensraum hindeutet. Der Abstand der jagenden Fledermäuse zu den Windkraftanlagen nahm jedoch mit zunehmender Rotorblattdrehung bei hohen Windgeschwindigkeiten zu.

Die Ergebnisse zeigen, dass Bechsteinfledermäuse in ihrer Lebensraumnutzung selektiver werden, je näher sie sich an den Windkraftanlagen befinden. In der Nähe ihrer Wochenstuben scheinen die Vorteile eines hochwertigen Lebensraums die Störeffekte zu überwiegen, und die Fledermäuse nutzten trotz der Nähe der Windkraftanlagen weiterhin die Wochenstuben und die umliegenden Nahrungshabitate. Weiter entfernt von ihren Quartieren mieden sie jedoch die Nahrungssuche in der Nähe von Windkraftanlagen.

Durch eine sorgfältige Standortplanung, die empfindliche Waldlebensräume ausschließt, in Kombination mit eingeschränkten Betriebszeiten der Windkraftanlagen im Sommer könnten die negativen Auswirkungen von Störungen durch Windkraftanlagen für die Wochenstubenkolonien der Bechsteinfledermäuse abgeschwächt oder vermieden werden.

Quelle:
Hurst J, Korner-Nievergelt F, Brinkmann R (2026) Habitat use of Bechstein´s bats (Myotis bechsteinii) within wind parks in forests. PLoS One 21(3): e0344730. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0344730

Singflüge: Fledermäuse werden von Windkraftanlagen angelockt

Tödliche Zusammenstöße mit Windkraftanlagen stellen weltweit eine große Bedrohung für Fledermauspopulationen dar. Die genauen Ursachen für die Kollisionen von Fledermäusen mit Windkraftanlagen sind jedoch nach wie vor unklar.

Anhand eines umfangreichen akustischen Datensatzes, der in verschiedenen Teilen Deutschlands in Gondelhöhe aufgezeichnet wurde, zeigt das Wissenschafts-Team, dass an allen untersuchten Windkraftanlagen Nahrungssuche und soziale Aktivitäten stattfinden.

Mindestens sieben Fledermausarten (die 95 % der Todesfälle bei Fledermäusen in Deutschland ausmachen) führen an Windkraftanlagen Singflüge durch, ein Verhalten, das mit Paarung und Balz in Verbindung steht. Dies deutet darauf hin, dass Männchen Windkraftanlagen als attraktive Orte für die Einrichtung von Paarungsrevieren wahrnehmen.

Die Gesänge der Männchen sind über beträchtliche Entfernungen zu hören und könnten als akustische Leuchtfeuer fungieren, die Weibchen zu den Windkraftanlagen locken. Die Analyse der thermo-visuellen 3D-Erfassung zeigt, dass die Fledermausdichte in der vom Rotor abgedeckten Zone größer ist als im freien Luftraum um die Windkraftanlagen herum.

Dies deutet stark darauf hin, dass Fledermäuse sich aktiv den Windkraftanlagen nähern, möglicherweise auf der Suche nach Möglichkeiten zur Paarung, nach Quartieren und/oder zur Nahrungssuche.

Quelle:
Nagy, M., Hochradel, K., Haushalter, C. et al. Song flight and 3D thermal detection provide evidence for bat attraction to wind turbines in Central Europe. Commun Biol 9, 460 (2026). https://doi.org/10.1038/s42003-026-09882-7

Offshore-Windparks: Zug von Fledermäusen über Nord- und Ostsee

Studie zur Abschätzung der Zahlen wandernder Fledermäuse über Nord- und Ostsee zur Entwicklung wirksamer Schutzmaßnahmen an Offshore-Windparks.

Fledermäuse, die über das offene Meer wandern, sind einem hohen Risiko ausgesetzt, mit Offshore-Windkraftanlagen zu kollidieren. Trotz jüngster Fortschritte bei der Durchführung von Umweltverträglichkeitsprüfungen für Fledermäuse im Offshore-Bereich fehlen nach wie vor standardisierte Methoden zur Abschätzung des Ausmaßes der Fledermauswanderung auf See. Das Autorenteam stellt hier eine Methode zur Schätzung der Anzahl wandernder Fledermäuse vor, die auf Langzeit-Akustiküberwachungsdaten basiert, die an abgelegenen Offshore-Anlagen wie Bojen und Plattformen erfasst wurden.

Als Beispiel wendendeten Sie die Methode auf die deutschen Meere an und nutzen dabei Ultraschallaufnahmen von mehreren Offshore-Anlagen. Sie zeigen, dass hohe Fledermaus-Wanderungsraten von 1.500 Fledermäusen pro km und Jahr – bezogen auf eine 1 km lange Linie parallel zur allgemeinen Wanderungsrichtung – näher an der Küste der deutschen Nordsee auftreten. In der deutschen Ostsee lagen die Fledermaus-Wanderungsraten zwischen 900 und 4.600 Fledermäusen pro km und Jahr.

Diese Ergebnisse unterstreichen die dringende Notwendigkeit, wandernde Fledermäuse vor Kollisionen mit rotierenden Rotorblättern von Offshore-Windkraftanlagen in deutschen Gewässern und darüber hinaus zu schützen.

Die Methode eignet sich möglicherweise auch zur Abschätzung des Ausmaßes der Offshore-Fledermauswanderung in anderen Regionen. Sie bietet die Möglichkeit, Schwellenwerte zu definieren, bei deren Erreichen Schutzmaßnahmen durch Raumplanung und Abhilfemaßnahmen wie Betriebsbeschränkungen während Zeiten intensiver Offshore-Fledermauswanderung ergriffen werden sollten.

Quelle:
Antje Seebens-Hoyer, Lothar Bach, Henrik Pommeranz, Christian C. Voigt, Volker Runkel, Pius Korner, Petra Bach, Michael Göttsche, Reinhold Hill, Annette Pommeranz, Sandra Vardeh, Tobias Böhme, Matthias Göttsche, Hinrich Matthes,
Estimating the traffic rates of bats migrating across the North and Baltic Seas to develop efficient mitigation measures at offshore wind energy facilities,
Biological Conservation, Volume 316, 2026, 111741, ISSN 0006-3207,
https://doi.org/10.1016/j.biocon.2026.111741.

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