Einheimische Fledermäuse und SARS-Coronavirus 2

Einheimische Fledermäuse sind nicht mit SARS-CoV 2 infiziert.

In den Medien werden Fledermäuse regelmäßig als der Ursprung des neuartigen humanen Virus SARS-CoV 2 (SARS-Coronavirus 2) bezeichnet. Diese oft reißerische und stark vereinfachte Darstellung eines komplexeren Sachverhalts erzeugt falsche Vorstellungen, grundlose Vorbehalte und zunehmende Antipathien gegenüber einheimischen Fledermäusen. Fledermäuse aufgrund einer vermeintlichen Gesundheitsgefahr zu bekämpfen, ist völlig unbegründet und zudem in Deutschland und in der gesamten EU strafbar.

Hier finden Sie die Fakten:

  1. Einheimische Fledermäuse sind nicht mit SARS-CoV 2 infiziert.
  2. Das humane SARS-CoV 2 ist genetisch eng mit Viren von Wildtieren verwandt, der genaue Ursprung von SARS-CoV 2 oder dessen Vorläufer ist nach wie vor ungeklärt.
  3. Eine Übertragung von SARS-CoV-ähnlichen Viren aus Fledermäusen direkt auf Menschen ist sehr unwahrscheinlich.
  4. Ein Muster vergangener Zoonosen ist die Bedeutung von Massentierhaltungen (z.B. im Falle der Schweinegrippe) und Wildtiermärkten, auf denen Wildtiere lebend, frisch geschlachtet oder zubereitet zum Verkauf angeboten werden.
  5. Fledermäuse aufgrund einer vermeintlichen Gesundheitsgefahr zu bekämpfen, ist völlig unbegründet und strafbar.
  6. Das Naturschutz-Ehrenamt ist mit der universitären und außeruniversitären Forschung eng vernetzt und unterstützt die Wissenschaft.
  7. Es ist unwahrscheinlich, dass Coronaviren aus Fledermauskot eine unmittelbare Gesundheitsgefahr für den Menschen darstellen.
  8. Nach bisherigen Erkenntnissen sind bei SARS-ähnlichen Coronaviren immer Zwischenwirte im Rahmen mehrerer zoonotischer Übergänge notwendig, um einen humanpathogenen Erreger entstehen zu lassen.
  9. Fledermäuse sind weltweit wichtige und unverzichtbare Akteure in Ökosystemen.
  10. Die Wahrscheinlichkeit von zoonotischen Pandemien kann in Zukunft verringert werden, indem der Naturschutz und Tierschutz verbessert werden.

  1. Einheimische Fledermausarten sind nicht mit SARS-CoV 2 infiziert. Es konnten zwar verschiedene Coronaviren in heimischen Fledermausarten nachgewiesen werden. Diese sind jedoch nur entfernt mit humanen SARS-Coronaviren verwandt und daher für Menschen irrelevant [3]. Erste Infektionsversuche an Ägyptischen Nilflughunden mit SARS-CoV 2 waren zwar erfolgreich, die Tiere zeigten aber keine Symptome und übertrugen die Infektion nicht effektiv auf ihre Artgenossen [4]. Dies könnte am Umstand liegen, dass die Bindungsregionen des Virus nicht effektiv an entsprechende Rezeptoren der Fledermäuse koppeln [5].
  2. Das humane SARS-CoV 2 ist genetisch eng mit Viren aus dem Tierreich verwandt, der unmittelbare Ursprung von SARS-CoV 2 ist aber nach wie vor nicht zweifellos geklärt. Genetisch ähnliche Viren finden sich beispielsweise bei in China vorkommenden Hufeisennasen (Rhinolophidae) [6] und in Schuppentieren [7]. Es ist wahrscheinlich, dass das Virus zwar in einem Wildtier seinen Ursprung hatte, sich dann aber schrittweise – erst in einem Zwischenwirt und nach der Übertragung auf den Menschen dann im Menschen selbst – so verändert hat, dass es im Menschen Covid-19 auslösen konnte und die Übertragung der Krankheit von Mensch zu Mensch möglich wurde [5].
  3. Eine Übertragung von SARS-CoV-ähnlichen Viren aus Fledermäusen direkt auf Menschen ist sehr unwahrscheinlich. SARS-CoV-ähnliche Viren aus asiatischen Hufeisennasen können nicht in menschliche Zellen eindringen, da Oberflächenproteine von SARS-CoV-ähnlichen Viren nicht effizient an entsprechende Enzyme (humanes ACE2) des Lungenepithels des Menschen binden können [5,8]. Deswegen sind selbst genetisch eng verwandte SARS-CoV-ähnliche Viren, die bei Hufeisennasen gefunden wurden, für Menschen nicht unmittelbar infektiös [5].
  4. Ein Muster vergangener Zoonosen ist die Bedeutung von Massentierhaltungen (z.B. im Falle der Schweinegrippe) und Wildtiermärkten, auf denen Wildtiere lebend, frisch geschlachtet oder zubereitet zum Verkauf angeboten werden. Hier können, wie im Fall von SARS-CoV 1 und sehr wahrscheinlich auch von SARS-CoV 2, Krankheitserreger durch Wirtswechsel schnell mutieren und sich ausbreiten [10]. Durch genetische Untersuchungen am SARS-CoV 1, das bereits vor knapp 20 Jahren in China erstmals auftrat, konnte gezeigt werden, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Schleichkatzen (Viverridae) als Zwischenwirt für ein Fledermausvirus fungierten [9,10]. Von Schleichkatzen ist dieses Virus auf den Menschen übergesprungen (zoonotischer Übergang) und war dann in der Lage, sich von Mensch zu Mensch zu verbreiten.
  5. Fledermäuse aufgrund einer vermeintlichen Gesundheitsgefahr zu bekämpfen, ist völlig unbegründet [11]. Dies ist zudem in Deutschland und in der gesamten EU strafbar. Nicht die Fledermäuse mit ihrer natürlich gewachsenen viralen Vielfalt sind der Kern des Problems [2], sondern der Mensch, der durch seinen Umgang mit den Tieren, sein unbarmherziges Ausbeuten von natürlichen Ressourcen und der damit verbundenen weltweiten Zerstörung intakter Ökosysteme, ein erhöhtes Risiko von zoonotischen Pandemien erzeugt [12].
  6. Das Naturschutz-Ehrenamt ist mit der universitären und außeruniversitären Forschung eng vernetzt und unterstützt die Wissenschaft. Die Erkenntnisse aus der Erforschung der viralen Vielfalt von Fledermäusen, insbesondere nach dem Auftreten von SARS-CoV 1, haben dazu beigetragen, dass in Deutschland bereits kurz nach dem Auftreten von SARS-CoV 2 Testverfahren zum Nachweis infizierter Personen flächendeckend in Laboren zur Verfügung standen, noch bevor überhaupt SARS-CoV 2 Viren in Deutschland auftauchten. Die Ausbreitung der Krankheit Covid-19 konnte daher durch sehr gute Labordiagnostik in Deutschland von Beginn an beobachtet werden [16,17]. Auch weiterhin unterstützt der ehrenamtliche Fledermausschutz die Erforschung von Coronaviren bei Fledermäusen.
  7. Es ist unwahrscheinlich, dass Coronaviren aus Fledermauskot eine unmittelbare Gesundheitsgefahr darstellen. Genetisch können humane SARS-Coronaviren in großen Mengen im Stuhl von PatientInnen nachgewiesen werden [5,8]. In frischem Kot von einheimischen Fledermäusen wurden nur geringe Mengen von verschiedenen Coronaviren (nicht SARS-CoV 2) nachgewiesen [3,18], welche nach bisherigen Kenntnissen für den Menschen nicht gefährlich sind. Dies legt den Schluss nahe, dass von Fledermauskot hinsichtlich Coronaviren keine unmittelbare Gefahr ausgeht. Es sei dennoch darauf hingewiesen, dass beim Umgang mit Fledermauskot immer grundlegende Schutzmaßnahmen beachtet werden sollten, da generell von Wildtieren stammender Kot möglicherweise andere Krankheitserreger beherbergen könnte [19]. Die üblichen Hygienevorschriften sind auf jeden Fall zu beachten.
  8. Nach bisherigen Erkenntnissen sind bei SARS-ähnlichen Coronaviren immer Zwischenwirte im Rahmen mehrerer zoonotischer Übergänge notwendig, um einen humanpathogenen Erreger entstehen zu lassen [5,8]. Jedoch sollte im Aufklärungsgespräch ggf. auf die Möglichkeit einer Übertragung von Tollwutviren durch den Biss einer infizierten Fledermaus hingewiesen werden, denn dies sind die bislang einzig bekannten Viren in Fledermäusen, die Menschen direkt infizieren können. Nach einem Biss durch eine Fledermaus lässt sich durch eine unmittelbare Nachimpfung die Gesundheit des Betroffenen wirksam schützen. Allerdings kommen Fledermäuse in der Regel kaum mit Menschen in Kontakt, da die Tiere scheu sind und im Verborgenen leben. Für Personen, die aufgrund ihrer beruflichen oder ehrenamtlichen Tätigkeit im Fledermausschutz häufig mit Fledermäusen in Berührung kommen, gibt es die Möglichkeit einer Impfung, die wir dringend anraten. An dieser Stelle sei auf die Informationsmöglichkeiten durch das Friedrich-Loeffler-Institut und das Robert-Koch-Institut verwiesen [20,21].
  9. Fledermäuse sind weltweit wichtige und unverzichtbare Akteure in Ökosystemen. Sie regulieren Schadinsekten in der Land- und Forstwirtschaft und sind in subtropischen und tropischen Ökosystemen von besonderer Bedeutung für die Verbreitung von Pflanzensamen und die Bestäubung wichtiger Nutzpflanzen [12,13,14]. Aufgrund ihrer Biologie als fliegende Säugetiere und ihrer besonderen Sozialstrukturen (Fortpflanzungs- und Winterschlafgesellschaften in relativ großen Gruppen) haben sie im Laufe ihrer Evolution Eigenschaften erworben, die Ihnen bei der Eindämmung von Krankheitserregern große Vorteile bieten. Die Wissenschaft steht erst am Anfang, diese Anpassungen zu verstehen und daraus Erkenntnisse zu gewinnen, die für die Human- und Tiermedizin äußerst wertvoll sind.
  10. Die Wahrscheinlichkeit von zoonotischen Pandemien kann in Zukunft verringert werden. Dazu ist es nötig, die Biodiversität in Natur- und Kulturlandschaften wirksamer zu schützen, in denen Tiere vom Menschen ungestört leben können. Dies sollte aus der Einsicht heraus erfolgen, dass intakte Lebensräume, inklusive einer hohen Vielfalt an darin vorkommenden Wildtierarten, langfristig auch für die menschliche Gesundheit wichtig sind. Es ist dringend notwendig, sowohl dem Arten- als auch dem Tierschutz einen höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft zu geben. Darüber hinaus ist es wichtig, die Jagd, den Handel und die Verwendung von Wildtieren mit zoonotischem Potenzial weltweit zu regulieren und stark einzuschränken.

Quellen:

  1. Presseinformationen
    a: Bundesverband für Fledermauskunde Deutschland e.V.: https://bvfledermaus.de/wp-content/uploads/2020/02/2020-BVF-Fledermaeuse-und-Coronaviren-Keine-Angst-vor-Batman.pdf
    b: Fledermaus-Zentrum Bad Segeberg: https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=2614615788664796&id=100003492006117
    c: Koordinationsstellen Fledermausschutz Bayern: https://www.tierphys.nat.fau.de/fledermausschutz
    d: Deutsche Fledermauswarte: https://www.deutsche-fledermauswarte.org/single-post/2020/02/01/Corona-Ausbruch-im-Zusammenhang-mit-Flederm%C3%A4usen
    e: Leibniz-IZW Berlin: http://www.izw-berlin.de/pressemitteilung/informationen-zum-coronavirus-sars-cov-2covid-19.html
  2. López-Baucells A, Rocha R, Fernández-Llamazares Á. 2018 When bats go viral: negative framings in virological research imperil bat conservation. Mam Rev 48, 62–66. (doi:10.1111/mam.12110)
  3. Gloza-Rausch F et al. 2008 Detection and Prevalence Patterns of Group I Coronaviruses in Bats, Northern Germany. Emerg. Infect. Dis. 14, 626–631. (doi:10.3201/eid1404.071439)
  4. Friedrich-Loeffler-Institut 2020: Pressemitteilung vom 03.04.2020. https://www.fli.de/de/presse/pressemitteilungen/presse-einzelansicht/neues-coronavirus-sars-cov-2-flughunde-und-frettchen-sind-empfaenglich-schweine-und-huehner-nicht/
  5. Andersen KG, Rambaut A, Lipkin WI, Holmes EC, Garry RF. 2020 The proximal origin of SARS-CoV-2. Nat Med (doi:10.1038/s41591-020-0820-9)
  6. Zhou P et al. 2020 A pneumonia outbreak associated with a new coronavirus of probable bat origin. Nature 579, 270–273. (doi:10.1038/s41586-020-2012-7)
  7. Lam, T T-Y, et al. (2020). Identifying SARS-CoV-2 related coronaviruses in Malayan pangolins. Nature.
  8. Wang L-F, Shi Z, Zhang S, Field H, Daszak P, Eaton B. 2006 Review of Bats and SARS. Emerg. Infect. Dis. 12, 1834–1840. (doi:10.3201/eid1212.060401)
  9. Guan Y. 2003 Isolation and Characterization of Viruses Related to the SARS Coronavirus from Animals in Southern China. Science 302, 276–278. (doi:10.1126/science.1087139)
  10. Cheng VCC, Lau SKP, Woo PCY, Yuen KY. 2007 Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus as an Agent of Emerging and Reemerging Infection. Clinical Microbiology Reviews 20, 660–694. (doi:10.1128/CMR.00023-07)
  11. Zhao H. 2020 COVID-19 drives new threat to bats in China. Science 367, 1436. (doi:10.1126/science.abb8034)
  12. Schmid J, Rasche A, Eibner G, Jeworowski L, Page RA, Corman VM, Drosten C, Sommer S. 2018 Ecological drivers of Hepacivirus infection in a neotropical rodent inhabiting landscapes with Informationsblatt – Einheimische Fledermäuse und SARS-CoV 2 Seite 6 von 7 various degrees of human environmental change. Oecologia 188, 289–302. (doi:10.1007/s00442-018-4210-7)
  13. Ghanem SJ, Voigt CC. 2012 Increasing Awareness of Ecosystem Services Provided by Bats. In Advances in the Study of Behavior, pp. 279–302. Elsevier. (doi:10.1016/B978-0-12-394288-3.00007-1)
  14. Boyles; JG, Cryan; PM, McCracken; GF, Kunz TH. 2011 Economic Importance of Bats in Agriculture. Science 332, 41–42. (doi:10.1126/science.1201366)
  15. Riccucci M, Lanza B. 2014 Bats and insect pest control: a review. Vespertilio 17, 161–169.
  16. Drosten, C. mdl. Mittlg Coronavirusupdate NDR Podcast, Folge 16 März 2020, https://www.ndr.de/nachrichten/info/Coronavirus-Update-Die-Podcast-Folgen-als- Skript,podcastcoronavirus102.html
  17. Corman, VM, Landt, O, Kaiser, M, Molenkamp, R, Meijer, A, Chu, DK, … & Mulders, DG (2020). Detection of 2019 novel coronavirus (2019-nCoV) by real-time RT-PCR. Eurosurveillance, 25(3).
  18. Fischer, K, Zeus, V, Kwasnitschka, L, Kerth, G, Haase, M, Groschup, MH and Balkema-Buschmann, A (2016). Insectivorous bats carry host specific astroviruses and coronaviruses across different regions in Germany. Infection, Genetics and Evolution 37, 108–116.
  19. Mühldorfer, K (2013). Bats and Bacterial Pathogens: A Review. Zoonoses and Public Health 60, 93–103.
  20. Informationsschrift Friedrich-Löffler-Institut (FLI), Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit:Fledermäuse –Artenschutz und Tollwut, Stand: 20.08.2019.
  21. RKI 2018: Tollwutratgeber vom 23.01.2018. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Tollwut.html
  22. Woelfel, R, et al. 2020. Clinical presentation and virological assessment of hospitalized cases ofcoronavirus disease 2019 in a travel-associated transmission cluster. MedRxiv. doi: https://doi.org/10.1101/2020.03.05.20030502

Pressemitteilung von Svenja Schulze, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit:
https://www.bmu.de/pressemitteilung/schulze-weltweiter-naturschutz-kann-risiko-kuenftiger-seuchen-verringern/

Fakten-Download als PDF:
Informationsblatt – Einheimische Fledermäuse und SARS-CoV 2
Kurzinfo – Einheimische Fledermäuse und SARS-CoV 2

27. Jahrestagung des LFA Fledermausschutz NRW

Das 27. Jahrestreffen des LFA Fledermausschutz wird am Samstag, den 21.11.2020 im Ratssaal Gladbeck, Willy-Brandt-Platz 2, 45964 Gladbeck stattfinden. Die Tagung wird von der Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz Kreis Recklinghausen organisiert. Das Treffen wird wie üblich um 10:00 Uhr beginnen.

Diese Tagung ist keineswegs nur für Experten bestimmt. Gerade auch Neulinge im Fledermausschutz werden viele interessante Dinge erfahren.

Auch in diesem Jahr möchten wir Sie bitten, sich im Vorfeld für die Tagung anzumelden! Dies ist notwendig, da immer mehr Teilnehmer kommen, es soll den Ausrichtern vor Ort die Planung einfacher gestalten. Bei erfolgreicher Anmeldung erhalten Sie eine Bestätigungsmail. Die Anmeldung wird im Sommer freigeschaltet.

Die Teilnahme an der Tagung ist – wie in jedem Jahr – kostenlos. Getränke, Mittagessen, Kaffee und Kuchen müssen aber vor Ort bezahlt werden.

Wir möchten Sie bitten, sich rege an der Tagung zu beteiligen und auch das Programm abwechslungsreich mit zu gestalten. Möglichkeiten für Posterpräsentationen sind vor Ort gegeben.

Vorträge und auch Posterbeiträge bitte bei Carsten Trappmann Tel. 0251 / 88145 (am besten wochentags zw. 17.00 Uhr und 20.00 Uhr) oder per Mail unter „Trappmann@Fledermausschutz.deanmelden. Vor Ort steht ein Beamer mit Laptop zur Verfügung.

Vorläufiges Tagungsprogramm:

…folgt.

Frostschwärmen von Zwergfledermäusen

Phänomen einer Überwinterungsstrategie

Weit verbreitet ist die Annahme, dass die Wochenstuben- und Sommerquartiere auch gleichzeitig Winterquartiere von Zwerg- und Mückenfledermäusen sind. Diese Annahme legt nahe, dass andere Gebäude als Winterquartiere weniger in Frage kommen. Ist das so?

Was wir wissen

Mindestens zwei Methoden der Überwinterung von Zwerg und Mückenfledermäusen sind bekannt:

  • Einzelne Tiere oder kleine, verteilte Gruppen
  • große Gruppen in Massen-Winterquartieren

Unsere mitteleuropäischen Winter sind oft mild, mit leichten Nachtfrösten und ab und zu mäßigen Frostperioden. Setzt starker Frost ein, wandern Zwergfledermäuse in die Massenwinterquartiere. Woher die Tiere kommen, wissen wir meist nicht, vermutlich aber aus der näheren oder weiteren Umgebung. Es sind möglicherweise Zwerg- und Mückenfledermäuse, die das Quartier wechseln, weil das ursprüngliche nicht frostfrei oder sogar zu warm ist. Zwergfledermäuse wechseln also als Teil ihrer Überwinterungsstrategie das Quartier (Sendor, 2002Simon et al. 2004).

Bekannt sind auch Winterfunde einzelner Tiere oder kleinerer Gruppen von Zwergfledermäusen in Kästen, die hauptsächlich im Frühjahr und Herbst als Quartier genutzt werden. Die Tiere verlassen die Kästen bei Frost, kehren aber oft nach der Frostperiode zurück. Es wird vermutet, dass es sich dabei um Männchen handelt, die den Paarungsritus möglichst lange aufrechterhalten wollen. Auch sind Funde in und an Gebäuden und unterirdischen Quartieren bekannt. Wenig bekannt ist, wie die Tiere dort auf Frost- oder Wärmeperioden reagieren.

Die Problematik

Als Massenwinterquartiere kommen Gebäude jeder Größe, jeden Alters und jeder Bauart in Frage, ebenso Ruinen, Brücken und ähnliche Bauwerke, Felsquartiere und unterirdische Quartiere. Diese sind meist schwer zugänglich, schlecht einsehbar und daher kaum zu kontrollieren.

Es gibt kaum Methoden, durch die mit vertretbarem Aufwand Winterquartiere einzelner oder Massen von Zwergfledermäusen mit hoher Sicherheit nachgewiesen oder ausgeschlossen werden können.

Ohne die Möglichkeit einer Untersuchung besteht die Gefahr, dass Massenwinterquartiere zerstört und lokale oder sogar überregionale Populationen der Zwerg- und Mückenfledermaus vernichtet werden. Oft werden Gebäude in den Wintermonaten abgerissen oder saniert, ohne dass eine mögliche Nutzung als Winterquartier berücksichtigt wird.

Mit einer Kombination von Methoden können große Überwinterungsquartiere von Zwergfledermäusen in modernen, mehrstöckigen Gebäuden und Hochhäusern im städtischen Bereich entdeckt werden. Vielfach sind es Gebäude, die bei oberflächlicher Betrachtung als mögliche Quartiere übersehen oder gleich ausgeschlossen werden.

Wirklich keine Methode?

Die niederländischen Kollegen um Erik Korsten, Eric Jansen, Herman Limpens und Martijn Boonman (2016) beschreiben im Artikel „Swarm and switch: on the trail of the hibernating common pipistrelle“ ein bislang wenig bekanntes winterliches Schwarmverhalten von Zwergfledermäusen, das bei einzelnen Tieren, aber auch in Massen an Gebäuden auftritt. Weiter wird das spätsommerliche Schwärmen um Mitternacht als Indikator für mögliche Winterquartiere benannt.

Methode 1:
Spätsommerliches Schwärmen

Zeitpunkt: Anfang August bis Mitte September mit einem Höhepunkt von Mitte bis Ende August. Begehung ab Mitternacht für zwei Stunden, besser zwei Stunden nach Sonnenuntergang bis zwei Stunden vor Sonnenaufgang.
Wetter: möglichst windstille, warme Nächte mit Temperaturen ab 15° C gegen Mitternacht.
Technik: Einfacher Detektor, starke Taschenlampe (Hochhaus), Fernglas, zu Fuß oder per Fahrrad.
Wiederholen: alle paar (fünf bis zehn) Nächte bei optimalem Wetter die Begehung wiederholen.

Methode 2:
Frostschwarmverhalten im Winter

Warten Sie bis zur ersten Frostperiode und suchen in den folgenden zwei, drei und vier Nächten dieser Frostperiode nach schwärmenden Tieren. Die Nächte sollten kalt, mit Temperaturen deutlich unter null sein. Beginnen Sie etwa 45 Minuten nach Sonnenuntergang und für die Dauer von etwa zwei bis drei Stunden.

Die Suche im Winter kann auf das Finden der Schwarmquartiere im August aufbauen. Dies schränkt die Suche auf bestimmte Gebäude und Bereiche der jeweiligen Gebäude deutlich ein. Man kann diese Methode aber auch „auf gut Glück“ bei zum Beispiel ehrenamtlicher, systematischer Suche anwenden, ohne im Spätsommer nach Quartieren gesucht zu haben.

Aber Achtung! Kein Nachweis bedeutet nicht automatisch, dass den ganzen Winter keine Fledermäuse anwesend sind!

Es stellen sich Fragen

  • Schwärmen Zwergfledermäuse auch in den wärmeren Nächten nach einer Frostperiode?
  • Lässt sich das Verhalten auch auf Quartiere in/an Felsen z. B. im Mittelgebirge übertragen?
  • Wie sieht es mit (kleineren) Überwinterungsgruppen an niedrigeren Gebäuden aus?
  • Ist das Frostschwärmen auch bei anderen Arten wie Breitflügelfledermaus, Nordfledermaus oder Zweifarbfledermaus zu beobachten?

Bitte helfen Sie mit

Um Fragen zu klären und vor allem um diese oft übersehenen Quartiere und Fledermäuse zu schützen, sind Sie als Gutachter aufgerufen, dieses Wissen anzuwenden und als Ehrenamtler auch im Winter etwas Zeit zu investieren.

Ganz Wichtig! Melden Sie diese Winterquartiere unbedingt den zuständigen Behörden!

Es wäre schön, wenn Sie Ihre Entdeckungen mit uns und anderen teilen. Dazu sammeln wir möglichst viele Informationen auf dieser Webseite.

Das Video von Erik Korsten (Zoogdiervereniging, NL) von Ende Dezember 2014 zeigt viele schwärmende Zwergfledermäuse bei Schnee und -5°C.

Ohne diese Kenntnisse besteht die Gefahr, dass Massenwinterquartiere zerstört und lokale oder sogar überregionale Populationen der Zwergfledermaus vernichtet werden. Wir wissen, dass diese Gebäudetypen oft abgerissen oder renoviert werden, ohne dass es eine Fledermausuntersuchung mit dem Ziel schwärmende Fledermäuse oder Winterquartiere zu finden, gibt.

Es ist daher wichtig, dass Gutachter die richtigen Untersuchungsmethoden anwenden, um überwinternde Zwergfledermäuse nachzuweisen. Besser wäre es flächendeckende Kartierungen durchzuführen, um diese sehr wichtigen, aber auch sehr anfälligen Quartiere nicht nur den Behörden bekannt zu machen.

Rückmeldung:

Interessant wäre mal eine Rückmeldung ob ihr erfolgreich wart und was ihr beobachten konntet.
Einfach per Mail an Christian Giese: giese@fledermausschutz.de

  1. Ingolstadt: ca. 20 schwärmende Mückenfledermäuse im Dezember an einem einstöckigen Mehrfamilienhaus bei Frost.
  2. Süd-Pfalz (2019): 40-50 schwärmende Mückenfledermäuse bei Frost
  3. Süd-Pfalz (2019): wenige schwärmende Mückenfledermäuse bei Frost an großer (1.000) Wochenstube
  4. Rhede, NRW (2019): einzelne schwärmende Zwergfledermäuse bei Frost (Grundschule, Einfamilienhaus, Mehrfamilienhaus )

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Downloads:

(Massa-)winterverblijfplaatsen van gewone dwergvleermuizen: discussiestuk Vleermuisprotocol 2017 von Erik Korsten (Bureau Waardenburg), Herman Bouman (Arcadis) & Daniel Tuitert (Sweco)

Swarm and switch: on the trail of the hibernating common pipistrelle (2016)

Quelle: Bat News. No. 110 (Summer 2016). p. 8-10. Bat Conservation Trust. London.
Korsten, Erik & Jansen, Eric & Limpens, Herman & Boonman, Martijn & Schillemans, Marcel. (2016). Swarm and switch: on the trail of the hibernating common pipistrelle.

Christian Giese
für den LFA Fledermausschutz NRW

Das Video von Erik Korsten (Zoogdiervereniging, NL) vom 18. Januar 2016 zeigt schwärmende Zwergfledermäuse bei -3°C. Erik hat an dem Abend an mehren Gebäuden schwärmende Zwergfledermäuse gefunden.

Video von Erik Korsten (Zoogdiervereniging, NL) vom 19. Januar 2019 in Tilburg Noord (NL).

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